Nieder mit dem Krippenspiel - der Gott des Gemetzels im EvB

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, könnte man sagen, wenn ein Schulleiter mit Äpfeln UND Birnen spielt und dabei ein ganz großartiges Gemetzel herauskommt. EvB at its best, vielleicht? Ganz großes Theater, jedenfalls...

So jedenfalls erschien es bei der Aufführung von Yasmina Rezas "Der Gott des Gemetzels" am 16., 17. und 18. März in der EvB-Aula durch das unvergleichliche Ensemble "Äpfel UND Birnen", eine Gemeinschaftsproduktion des Grundkurses Literatur in der Q1 mit dem SchauspielerInnen-Quartett der Lehrkräfte Carmen Ziegler als Véronique, Nadja Biermeyer als Annette, Tobias Schmidt als Alain sowie unserem Hausmeister Thomas Eßer als Michel. Chef vons Janze war niemand anderer als Schulleiter Werner Kronenberg, der in seinem letzten Jahr am EvB noch einmal seiner ganz großen Leidenschaft, dem Theater, frönen wollte und zu diesem Zweck die bunte Truppe zusammengebracht hatte. Er führte nicht nur Regie, sondern kümmerte sich zusammen mit dem ungleichen Ensemble auch noch um Bühne, Dekor und Requisite, Öffentlichkeitsarbeit, Strichfassung - was immer das auch ist - und vieles mehr.

Eingerahmt war die Bühnenhandlung durch Gespenster, welche die Schüler des Literaturkurses in der Q1 eindrucksvoll in Szene setzten: Am Anfang erschienen sie als Schwarzlicht-beschienene Geister mit weißen Handschuhen zu Katja Ebsteins Song "Theater, Theater" mit einem Glaubensbekenntnis an den Gott des Gemetzels. Nach ihrem Abtritt erst entstand das Bühnenbild einer Designerwohnung aus Plastikmöbeln. Am Ende erfolgte ihr Auftritt als Rache-Hamster, die aus dem Nichts auftauchten, um eine irgendwie wünschenswerte Weltordnung wiederherzustellen.

Die Geschichte: Zwei Elfjährige haben einen handgreiflichen Streit, bei dem Ferdinand seinem Gegner Bruno ziemlich unzivilisiert zwei Zähne ausschlägt. Wir sind aber nur Zeugen des abendlichen Besuchs der Eltern des Täters, Annette (Bmr) und Alain (Sdt), bei denen des Opfers, nämlich Véronique (Zi) und Michel (Eß) ein paar Tage später. Und was anfangs als überhöflich-zivilisierte Regelung eines Schadensfalls unter gemeinsamer Abfassung eines Protokolls beginnt, entwickelt sich über erstes Wortgeklaube - war Ferdinand mit dem Stock "bewaffnet" oder "ausgestattet" und wurde Brunos Gesicht nun "verletzt", "entstellt" oder "zerschmettert"? - langsam hin zu einem wahren Zerfleischungsprozess, jeder gegen jeden.

Denn: Die Beteiligten sind nun einmal, wer sie sind: Ferdinands Vater ist ein Bösewicht vom Dienst. Als Anwalt bekommt er ständig Anrufe eines Pharmaunternehmens, dessen Herzmittel gerade die ersten Opfer mit Gleichgewichtsstörungen und Schlimmerem beeinträchtigt. Ständig geht sein Handy und unterbricht, zunächst noch charmant entschuldigt, später völlig selbstverständlich die Konversation. Er gibt Anweisungen wie "Wir leugnen Alles!" oder "Sie nehmen es nicht vom Markt, das wäre ein Eingeständnis!" und leitet eine Schmutzkampagne in der Presse gegen die Urheber der kritischen Studien ein, weil in zwei Wochen Aktionärsversammlung ist. Ganz nebenbei zeigt er wenig Interesse am Klärungsgespräch, weil er das Verhalten seines Sohnes insgeheim völlig natürlich findet, und will eigentlich mehrfach gehen.

Seine Frau (Bmr) findet dies zunehmend zum Kotzen, was in einer Szene kulminiert, in der sie sich ostentativ minutenlang erbricht. "Was hast du bloß?", fragt ihr Mann Alain". "Ist nur Galle, alles bestens", stöhnt sie völlig entkräftet.

Schade um den leckeren Clafoutis, den Véronique (Zi), Brunos Mutter, extra von gestern aufgehoben hat. Sie ist Schriftstellerin, kulturbegeistert und moralinsaurer Gutmensch vom Dienst, verbündet sich aber im Laufe des Stücks sogar mit Ferdinands bösem Anwalts-Vater (Sdt), obwohl der ihr Engagement für die Menschen in Darfur lächerlich findet. Ihr Mann Michel, ein gutmütig wirkender Haushaltswarenhändler, der neben Pfannen und Töpfen auch Türklinken und Klospülungen vertreibt, muss mitansehen wie der begehrte Clafoutis, ein Obstkuchen, in riesigen Stücken mit dem Tortenheber direkt in Alains (Sdt) Handy-Mund verschwindet.

Der Streit kulminiert in einer gestisch köstlichen Gegenüberstellung der beiden Nase an Nase zum Thema Klospülungen. Dann tut der Rum seine Wirkung und löst die letzten Hemmungen. Es stellt sich heraus, dass Michel (Eß) den Gutmenschen auch nur herrlich vorspielt, denn eigentlich ist er ein "Hamstermörder", hat er doch Knusperinchen, den Hamster der Familie, auf der Straße ausgesetzt, als die anderen aus dem Haus waren. Ferdinands Eltern sind entsetzt. Michel hasst alle Nager, kann sie nicht anfassen, war aber jahrelang durch seine Frau Véronique gezwungen, mit einem zu leben. Véronique hingegen verliert ihren geliebten Kokoschka, nicht ein Bild des Malers, sondern den Nachdruck eines Ausstellungskatalogs von 1953, an Annettes Erbrochenes, während diese in einem hysterischen Anfall Alains Handy endlich in der Blumenvase versenkt - Aufatmen selbst im Publikum, zumal Alain, überzeugend Nerv tötend gespielt von Tobias Schmidt, jetzt eine Weile Ruhe gibt.

Dann aber ruft Michels Mutter ständig an und unterbricht das Gespräch, denn sie ist offenbar orientierungsloses Opfer genau desjenigen Medikaments, dessen Hersteller Alain vertritt: "Nötigenfalls attackieren wir die Presse!" oder "Wir werden doch das Mittel nicht vom Markt nehmen, nur weil zwei Gestalten beim Laufen etwas Schlagseite haben.". Dass Annette und Alain einander mit dem Kosenamen WauWau anreden, der aus einem Lied von Paolo Conte stammt, erzeugt angesichts ihres tatsächlichen Verhältnisses einen Riesenlacher bei Mitwirkenden und Publikum. So langsam schält sich auch heraus, warum Ferdinand Bruno geschlagen hat: Dieser wollte ihn nicht in seine Bande lassen. Außerdem sei das Wort "Petze" gefallen. Beide Väter brüsten sich stolz, in der Schule jeweils eine eigene Bande gehabt zu haben, was wiederum Véronique veranlasst, die alberne Rohheit der Männer zu kritisieren, die mit einem Männerbild wie John Wayne aufgewachsen seien. Michel (Thomas Eßer) entgegnet mit dem Ausspruch: "Die Ehe ist die schlimmste Prüfung, die Gott uns auferlegt hat." Alain, der Anwalt, faselt noch etwas davon, wie historisch das Gesetz der Gewalt erst im Rahmen der Zivilisation durch das Gesetz des Rechts ersetzt wurde, mit der folgenden Erklärung zu Colts stellt Annette fest, dass sie eigentlich auch von John Wayne beeinflusst ist: "Ein Ding, mit dem man Leere schafft". Später ruft sie noch: "Mit Ihren Menschenrechten wische ich mir den Hintern ab!", woraufhin sie die Tulpen aus der Vase im Bühnenvordergrund reißt und auf den Köpfen der Anwesenden zerschlägt. Welch ein Gemetzel!

Die Vorstellung arbeitete mit zahlreichen Bild- und Toneinspielungen, ein Mittel, das auch am Schluss wunderbar griff und nur möglich wurde durch hervorragend arbeitende Technik. Denn der arme, ausgesetzte Hamster trat unter der Melodie von "Spiel mir das Lied vom Tod" am Ende als Rachegeist auf und überwältigte mit seinen Rachehamstern die Beteiligten und das Publikum siegreich. Das Victory-Zeichen mit weißen Handschuhen der Hamstermasken war der Schlusspunkt. Wie bei Shakespeare kann nur ein Eingriff von außen die Weltordnung wiederherstellen.

Werner Kronenbergs Inszenierung hatte Tempo, unglaublich viel Witz mit genauem Timing und durchaus moderne Züge, selbst wenn er, wie er sagt, in seinen vier SchauspielerInnen eigentlich insgeheime Mitregisseure hatte. Das hat dem Stück sicher gutgetan, denn das hinreißende Spiel der vier führte beim Publikum zu atemlosen Gelächter, am Schluss zu minutenlangem Applaus. Allein die Textmenge dieses Kammerspiels! Die vielen technischen Kniffe! Die Videos und Bilder! Die Kostüme und Requisiten! Chapeau, dass das Ensemble dies im laufenden Schulbetrieb hat bewältigen können! Organisation, Technik, Umbauten, alles erschien perfekt schon zur Premiere, ein dickes Lob allen Beteiligten.

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, möchte man sagen, wenn ein Schulleiter sich am Ende eines langen Berufslebens gerade dieses Stück aussucht und es derart fulminant auf die Bühne bringt. Vielleicht eine 'Déformation professionelle'? Vielleicht nur Spaß an der Freud?

Wir danken jedenfalls allen Beteiligten für eine exzellente Theateraufführung und schließen uns Kronenbergs Credo überzeugt an: Nieder mit dem Krippenspiel! Mehr von diesem Theater!

P.S.: Unter DIESEM LINK finden sich einige Fotos der Premierenvorstellung, die uns Samuel Horn zur Verfügung gestellt hat.